Disenfranchised Grief

Trauer wird gerne aus dem Blickwinkel der Psychologie betrachtet. Soziale Aspekte finden dabei eher wenig Beachtung. Betrachtet man das Konzept Disenfranchised grief, wird aber deutlich, dass Trauer immer auch eine soziale Dimension hat. Der englische Begriff Disenfranchised grief ist kaum adäquat ins Deutsche zu übersetzen, bedeutet in dem Zusammenhang aber so viel wie "sozial weniger anerkannte Trauer". Inhaltlich besagt das Konzept, dass Menschen im Falle eines Verlustes das Gefühl entwickeln können, ihr Leiden wird von anderen zu wenig anerkannt. Der Trauernde kann das Gefühl haben, er steht mit seinen subjektiven Empfindungen (fast) alleine da, ohne die wertvolle Unterstützung von anderen.

Fünf Kategorien von Disenfranchised grief können unterschieden werden:
  1. Der Verlust wird als unbedeutend angesehen (dies kann z.B. beim Verlust eines Haustieres vorkommen oder auch geschiedene Eheleute betreffen).
  2. Die Beziehung zur verstorbenen Person war sozial nicht akzeptiert (z.B. kann das eine gleichgeschlechtliche Beziehung betreffen oder auch die Beziehung zur Geliebten).
  3. Die Umstände des Todes werden sozial nicht akzeptiert (z.B. wenn sich der Verstorbene im Drogenmilieu aufgehalten hat und an AIDS gestorben ist).
  4. Die Fähigkeit zu trauern wird teilweise oder ganz abgesprochen (dies kann beispielsweise kleine Kinder, Menschen mit geistiger Behinderung oder auch sehr alte Menschen betreffen).
  5. Der persönliche Trauerstil wird als wenig akzeptabel angesehen (dies kann grundsätzlich alle Trauernden betreffen, wenn ihre Art zu trauern nicht den Erwartungen anderer entspricht, also z.B. zu heftig, zu lang oder zu kühl ausfällt) .
Nicht selten führen aber auch die eigenen Vorstellungen dazu, dass sich Betroffene ihre Trauer kaum zugestehen (dies kann z.B. bei einem Schwangerschaftsabbruch vorkommen). Disenfranchised grief kann grundsätzlich jede Person betreffen, doch nicht jedem entsteht daraus ein Problem.

Verlusthierarchien

Neuere Studien zum Thema Disenfranchised grief haben gezeigt, dass sich Menschen in Verlustfällen überlegen, wer wohl am meisten und wer weniger unter der Situation leidet. Sie bilden im Geiste eine Hierarchie aus mehr und weniger stark Betroffenen. Dabei kann es passieren, dass ein Hinterbliebener die eigene Situation als schlimmer einschätzt als andere das tun. Entsprechend wird er sich wahrscheinlich in seiner Trauer weniger anerkannt fühlen. Natürlich ist eine solche Situation nicht wünschenswert. Dennoch braucht Trauer soziale Regulierung, damit kein gesellschaftliches Chaos entsteht. Denn was würde beispielsweise geschehen, wenn die Geliebte sich bei der Trauerfeier neben die Ehefrau stellen würde, um Beileidsbekundungen anzunehmen?

Menschen, deren Trauer sozial weniger anerkannt wird, leiden insbesondere darunter, dass sie die für sie notwendige soziale Unterstützung zur Bewältigung der Trauer nicht erhalten. Da soziale Unterstützung aber für viele wichtig ist, kann es für diese Menschen hilfreich sein, das Defizit zum Beispiel über eine Trauergruppe aufzufangen.

Lesen Sie mehr zum Thema: "Kein Recht auf Trauer - wenn Verluste sozial nicht anerkannt werden"
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