Öffentliche Trauer

Echte Gefühle oder Krokodilstränen?

Immer wieder löst der Tod eines einzelnen oder mehrerer Menschen spontane öffentliche Trauerbekundungen aus. Menschen pilgern zu hunderten oder zu tausenden an bestimmte Orte, um dort für einen Prominenten oder für namenlose Katastrophenopfer Blumen niederzulegen und Kerzen anzuzünden.

Wenn wir von Trauer reden, verstehen wir heute darunter meist das intensive Leid der engsten Hinterbliebenen eines Verstorbenen. Und dennoch löst manchmal der Tod unbekannter Menschen große Wellen von öffentlicher Trauer aus. Ist das nicht paradox? Kann dies überhaupt echte Trauer sein?

Auf der Suche nach Erklärungen für das Phänomen der öffentlichen Trauerbekundungen findet man eine Fülle an psychologischen Überlegungen:

Es sei gar nicht so sehr Trauer, sondern eine Form des emotionalen Gemeinschaftserlebens, argumentieren die einen.

Bei Prominenten, so erklären andere, hätten die Menschen durch die Medien eine Pseudo-Beziehung aufgebaut, deren Verlust sie nun betrauerten.

Verbreitet ist auch die Ansicht, öffentliche Trauerbekundungen seien ein Ventil für Menschen, die ihre individuelle Trauer bislang nicht zulassen konnten.

Bei Tragödien, die durch Menschen verschuldet wurden, spiele Verunsicherung und Kontrollverlust eine große Rolle. Daraus ergibt sich der Standpunkt, die öffentliche Trauer gelte weniger den Toten sondern dem Entsetzen darüber, dass Derartiges in unserer Gesellschaft passieren könne. Kollektive Trauerkundgebungen dienten dann auch der Suche nach Sicherheit und der Forderung nach Aufklärung und Bestrafung von Schuld.

Diese Überlegungen haben alle ihre Berechtigung. Wenn vielen Menschen öffentlich trauern, können jeden Einzelnen unterschiedliche Gründe dazu bewegt haben.

Ein Hinweis des englischen Soziologen Tony Walter rückt das Thema jedoch noch mal in ein ganz anderes Licht: Weil wir in der heutigen Zeit Trauer als persönliche, ja intime Erfahrung von Leid verstehen, missverstehen wir den sozialen Aspekt von Trauer. Zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften war es fester Bestandteil des sozialen Miteinanders, herausragende Persönlichkeiten und außergewöhnlich tragische Todesfälle öffentlich in besonderer Weise zu würdigen. Doch dies ist eine andere Ebene von Trauer, ist eher ein stilles Innehalten, Gedenken und Würdigen und sollte nicht verwechselt werden mit dem tiefen Schmerz eines persönlichen Verlustes.
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