Ist Trauer eine Privatsache?

In unserer heutigen Gesellschaft haben Menschen viele Wahlmöglichkeiten und Entscheidungsfreiheiten: Wo und mit wem sie leben, ob sie heiraten oder nicht, Kinder haben oder nicht, welchen Beruf sie ausüben, wie sie ihre Freizeit gestalten, mit welchen Menschen sie sich umgeben, ob sie einer Religion angehören - Menschen können heute relativ frei entscheiden, wie sie sich ihr Leben gestalten möchten.

Individualisierung: Medaille mit zwei Seiten

Ähnlich ist es auch mit dem Verhalten nach dem Tod einer wichtigen Bezugsperson. Menschen haben heute große persönliche Freiheiten in der Art und Weise, wie sie ihre Trauer gestalten - und damit steigen die Chancen, dass sie so trauern können, wie es ihren Bedürfnissen entspricht. Aber weil durch die demografische Entwicklung Menschen viel seltener und später mit Sterben und Tod in Berührung kommen, birgt die Freiheit auch die Gefahr, dass sie in einer Verlustsituation verunsichert und orientierungslos sind. Das gleiche gilt übrigens auch für das soziale Umfeld eines Trauernden.

Bei aller Freiheit - vielen Menschen kann die Einbettung in eine Gruppe fehlen, die in der Trauer Halt gibt und die Erinnerung an den Verstorbenen teilt. Denn die urbane und mobile Gesellschaft von heute ist unter anderem dadurch geprägt, dass Menschen ganz selbstverständlich in verschiedenen "Welten" zu Hause sind, die oft wenig Kontakt untereinander haben: hier die Familie, dort die Arbeitskollegen, hier der aktuelle Freundeskreis, dort die Vereinskollegen, hier die Herkunftsfamilie, dort die Freunde von früher. Dies führt dazu, dass ein Verlust von vielen nur sehr abstrakt mitempfunden werden kann - ganz einfach weil sie den Verstorbenen nicht gekannt haben.

Unter anderem vor diesem Hintergrund (sicherlich tragen hierzu noch viele andere Gründe bei) ist bei vielem Menschen der Eindruck entstanden, dass Trauer eine Privatangelegenheit ist, ein innerpsychisches Geschehen, welches man am Besten mit sich alleine oder höchstens noch mit nahen Vertrauten ausmacht.

Soziale Regeln beeinflussen Trauer

Aber Menschen werden immer auch von der Gesellschaft, in der sie leben, geprägt und beeinflusst. Man nimmt diesen Einfluss häufig nur nicht bewusst wahr, weil es so selbstverständlich erscheint. Spürbar wird der Einfluss der Gesellschaft oft erst dann, wenn Menschen bestimmte gesellschaftliche Vorgaben nicht mehr als selbstverständlich sehen. Ein ganz konkretes Beispiel, an dem das deutlich wird, ist die Bestattung von Tot- und Frühgeburten. Die Bestattungspflicht für diese Kinder setzt auch heute in den meisten Bundesländern, die für die Bestattungsgesetze zuständig sind, erst bei 500 Gramm ein. Betroffene Eltern wehren sich aber in zunehmendem Maße gegen diese Vorgabe und kämpfen dafür, dass auch kleinere Früh- oder Totgeburten einen Namen und einen Platz auf dem Friedhof bekommen können. Mit Ausnahme von Bremen ist mittlerweile in jedem Bundesland ein Bestattungsrecht für alle Fehlgeburten (Totgeborene unter 500 Gramm) festgeschrieben. Informationen über die aktuellen Regelungen der Bundesländer finden Sie hier: www.aeternitas.de/inhalt/kind_tod_trauer/sternenkinder.

Zu spüren bekommen Menschen den Einfluss gesellschaftlicher Regeln aber auch, wenn sie einen Verlust erlitten haben, der sozial weniger anerkannt ist. Ein Beispiel: Verliert ein homosexueller Mann seinen langjährigen Lebensgefährten durch AIDS, hat er möglicherweise zusätzlich zu seinem Verlust Probleme, die viel mit der gesellschaftlichen Anerkennung bzw. Missachtung von Homosexualität zu tun haben: ohne eingetragene Lebenspartnerschaft ist er nicht bestattungspflichtig bzw. -berechtigt. Indem ihm diese Rolle nicht zugestanden wird, kann er auf der Beerdigung seines Lebensgefährten zur Randfigur werden, während vielleicht dessen Eltern sich als Hauptleidtragende sehen und möglicherweise sogar zu verbergen versuchen, dass ihr Sohn homosexuell war und AIDS hatte.
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