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10.07.2014

"Wir werden eine zunehmende Medikalisierung erleben"

Interview mit dem Trauerexperten Dennis Klass


Dennis Klass zählt zu den führenden Trauerexperten in den USA und hat das Thema Fortgesetzte Bindungen (Continuing Bonds) in den Diskurs eingebracht. In einem Interview mit Heidi Müller und Hildegard Willmann erzählt er von seinen Erfahrungen mit Trauer in Forschung und Praxis.

Herr Professor Klass, bitte stellen Sie sich kurz vor.
Bis zu meiner Emeritierung arbeitete ich an der Webster University in St. Louis, Missouri, USA. Seit 2005 lebe ich auf Cape Cod. Das ist eine Halbinsel im atlantischen Ozean in der Nähe von Boston. In den langen Wintern, die es hier gibt, schreibe oder bearbeite ich wissenschaftliche Beiträge. Außerdem braue ich mein eigenes Bier und bringe mich in das Leben unserer Kleinstadt ein.

Wie kam es dazu, dass Sie sich mit dem Thema Trauer befassten?
Meinen Doktortitel habe ich an der University of Chicago in Religionspsychologie erworben. Während meiner Zeit an der graduate school begann mich die Frage zu beschäftigen, wie Menschen Religion lebten. Dieser Aspekt interessierte mich viel mehr als die Frage, was Menschen glaubten oder was religiöse Führer ihnen sagten, was sie tun oder glauben sollten. Durch Zufall bekam ich dann ein Stipendium an den University of Chicago Hospitals. Damit verbunden war die Verpflichtung, als Assistent im Seminar von Elisabeth Kübler-Ross mitzuarbeiten. Ihr Buch On Death and Dying wurde 1968, genau in meiner Assistenzzeit, veröffentlicht.

Im Jahr 1979, als ich schon an der Webster University lehrte, traten einige Eltern an mich heran, die ein Kind verloren hatten. Sie baten mich, als Berater an den Treffen ihrer neu gegründeten Selbsthilfegruppe teilzunehmen. Als ich ihnen während der Treffen zuhörte, wurde mir klar, dass ich in meiner Rolle als Wissenschaftler dort genau richtig war. Hier kamen ganz normale Menschen zusammen, die in einer spirituellen, psychologischen und familiären Krise steckten und die mir erlaubten mitzuerleben, wie sie sich gegenseitig halfen, diese zu verarbeiten. In jenen Tagen gab es kaum fachliche oder wissenschaftliche Veröffentlichungen, die mir dabei hätten helfen können, das was ich dort hörte, einzuordnen. Ich begleitete die Arbeit dieser Gruppe 20 Jahre lang. Als ich nach einiger Zeit das Gefühl hatte, das Gesagte auch in konzeptioneller Hinsicht verstanden zu haben, fasste ich meine Erfahrungen für das akademische Umfeld zusammen. Trauer ist eine tiefgreifende und allen Menschen bekannte Erfahrung. Je mehr wir uns mit dem Thema beschäftigten, desto besser verstehen wir, wie Menschen Sinn in ihrem Leben finden und wie sie sich diesen im Falle eines Verlustes neu erarbeiten. Dieser grundlegende und dennoch komplexe Prozess hat mich all die Jahre fasziniert.

Welches Thema beschäftigt Sie persönlich im Moment am meisten? Woran arbeiten Sie gerade?
In den letzten 20 Jahren beschäftigte mich vor allem die Frage, inwieweit die Erfahrungen, die die Eltern in "meiner" Selbsthilfegruppe gemacht hatten, in die wissenschaftliche Erforschung von Trauer eingebracht werden können. Finden sich diese Erfahrungen auch bei anderen Gruppen in meiner eigenen Kultur wieder? Oder auch in ganz anderen Kulturen, wie zum Beispiel in den japanischen Ritualen der Ahnenverehrung? Gerade habe ich einen Artikel darüber geschrieben, wie Bindungen zu Verstorbenen aufrechterhalten werden, die wir nur aus übergeordneten Zusammenhängen kennen. Beispielsweise wird die Bindung zu den gefallenen Soldaten in Erzählungen aufrechterhalten. Ich bin der Überzeugung, dass "Fortgesetzte Bindungen" in vielen kulturellen Zusammenhängen eine Rolle spielen. In der Geschichts- und Literaturwissenschaft wurde schon immer viel über die Bindung zu den Verstorbenen geschrieben. Ich versuche nun, einige ihrer Einsichten in die Trauerforschung einzubringen.

Was ist Ihr Herzensanliegen? Wo sehen Sie Ihren wichtigsten Wirkungsbereich bzw. was möchten Sie gerne mit Ihrer Arbeit erreichen?
Wissenschaftler und Praktiker haben viel über trauernde Eltern geschrieben. Zu Beginn meiner Arbeit war es mir ein besonderes Anliegen, dass die Erfahrungen der trauernden Eltern von diesen Fachkräften ernst genommen wurden. Ich begann über die fortgesetzten Bindungen zu den Verstorbenen zu schreiben, weil viele Eltern mir berichtet hatten, dass ihre toten Kinder weiterhin ein wichtiger Bestandteil ihres Lebens waren. Zum damaligen Zeitpunkt vertraten die psychosozialen Fachkräfte noch den Standpunkt, dass dieses Verhalten pathologisch sei. Ich glaubte damals schon, dass die Eltern das Richtige taten und es freut mich sehr, dass Wissenschaftler wie auch Praktiker diese Erfahrungen der Eltern mittlerweile als normal ansehen.

Was sind Ihrer Ansicht nach die wichtigsten Entwicklungen der letzten Jahre im Rahmen der Trauerforschung?
Nun, das hängt davon ab wie weit ich in die Vergangenheit zurückblicke. Im Laufe meines Lebens wurde Trauer von verschiedenen Fachbereichen nach und nach als ein wichtiges Forschungsthema anerkannt. Dies gilt für die Bereiche Soziologie, Anthropologie und Literaturwissenschaften ebenso wie für die Psychologie und Psychiatrie. Dies war eine sehr positive Entwicklung. In jüngerer Zeit konnte man eine sehr ungünstige Entwicklung beobachten. Die Psychiatrie hat entschieden, Trauer als Depression zu klassifizieren, wenn eine Person nach zwei Monaten noch psychische Beschwerden hat. Dies wird dazu führen, dass die amerikanischen Ärzte stärker unter Druck geraten in Trauerfällen Antidepressiva zu verschreiben. Dabei gibt es weder klinische noch empirische Nachweise dafür, dass diese Medikamente etwas bewirken, außer die normalen Reaktionen und Verhaltensweisen zu unterdrücken. Schuld daran ist das amerikanische Gesundheitssystem. Denn es bezahlt Hilfeleistungen nur, wenn jemand eine Diagnose vorweisen kann. Trauer wird so zu einer psychischen Krankheit, was weder für die Hinterbliebenen noch für die Gesellschaft als Ganzes positiv sein kann. Ich hoffe, in Deutschland werden die Wissenschaftler und Praktiker diesen Weg nicht einschlagen.

Was waren für Sie persönliche Schlüsselerkenntnisse der eigenen Beschäftigung mit dem Thema?
Ganz klar: Ich bin dafür bekannt geworden, dass ich das Konzept der fortgesetzten Bindungen eingeführt habe, welches jedoch nicht als Forschungsergebnis im herkömmlichen Sinne entstanden ist. Es waren die trauernden Eltern, die entdeckten, dass viele in der Gruppe die Bindung zu ihren Kindern weiter aufrecht erhielten und auf ganz unterschiedliche Weise pflegten. Aus der Gewissheit heraus, dass alle es so machten, entwickelten sie Rituale wie die Gedenkgottesdienste in den Weihnachtsferien. Ich habe dem Ganzen eigentlich nur einen Namen gegeben und es in einer Art und Weise veröffentlicht, dass auch klinische Fachkräfte und Wissenschaftler darauf aufmerksam wurden.

Mit Blick auf die letzten Jahre, scheint mir am Wichtigsten und Interessantesten, dass ich das Konzept des Trostes erneut in die Trauerforschung einbrachte. Die Artikel sind vor kurzem erst veröffentlicht worden. Daher ist es noch zu früh, um einschätzen zu können, ob andere wissenschaftliche oder klinische Fachkräfte meine Überlegungen zum Thema Trost in ihrer Arbeit aufgreifen werden.

Was denken Sie, kann die Trauerforschung zur Praxis der Trauerberatung, Trauerbegleitung, -therapie beitragen?
Menschen, die Hinterbliebene unterstützen, sollten Forschungsergebnisse sehr vorsichtig handhaben. Es ist erst 20 Jahre her, da behauptete die Wissenschaft, das Ziel der Trauer bestände darin, die Bindung zum Verstorbenen zu lösen. Es wäre doch sehr gut möglich, dass sich in den nächsten 20 Jahren unser heutiges Verständnis von Trauer als ebenso falsch herausstellt wie wir heute die Theorie vom Lösen der Bindung für falsch halten. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir immer noch kein wirklich gutes Verständnis davon haben, was Trauer ist und wie Menschen Verluste verarbeiten.

Darum sollten wir Forschungsergebnisse nicht voreilig in die Praxis übertragen. Zunächst sollte gut überlegt werden, wie die Ergebnisse aus der empirischen Forschung zu den komplexen Vorgängen in der Praxis passen. Wir können die Individuen und Familien ja nicht auf einfache Variablen und Faktoren reduzieren. Dabei würde die ganze Komplexität von Trauer, so wie sie jeder Mensch, jede Familie erlebt, ja vollkommen unberücksichtigt bleiben.

Welche Erwartungen haben Sie an die weitere Entwicklung der Trauerforschung?
Manchmal bin ich sehr pessimistisch, wenn ich über die zukünftige Trauerforschung nachdenke. Wir werden, so fürchte ich, eine zunehmende Medikalisierung erleben. Der Wegfall der Trauerausschlussklausel für Depressionen im DSM-5 ist ein furchtbarer Beschluss. Hier hat man sich einfach über eindeutige Forschungsergebnisse und beste klinische Erfahrung hinweg gesetzt. Die Psychiatrisierung von Trauer hilft niemandem außer den Pharmafirmen und einigen Berufsgruppen. Ich hoffe, dass ich mich irre, aber ich rechne damit, dass zukünftig die größten Forschungsgelder in solche Studien fließen werden, die Trauer als medizinisches Problem betrachten.

Aus Ihrer Sicht, was ist der hartnäckigste Mythos, der sich in Bezug auf Trauer hält?
Der hartnäckigste Mythos, der sich hält, ist der Glaube, dass Trauer ein innerpsychischer Prozess ist. Das stimmt einfach nicht! Trauer ist ein zwischenmenschlicher Prozess, selbst, wenn man es aus biologischer Sicht betrachtet.

Was wünschen Sie sich für die Praxis der Trauerberatung, -begleitung, Trauertherapie?
Ich denke, wir können viel von euch lernen. Eure Konzepte von "Trauerbegleitung", "Trauerbegegnung" und "Trost" hören sich vielversprechend an. Ich weiß, dass die positive Bedeutung, die in diesen Begriffen steckt, in der Praxis nicht immer umgesetzt wird. Aber sie können unser Verständnis davon verbessern, wie man Trauernde unterstützen kann. Ich würde mir wünschen, dass ihr diese Ideen stärker in den internationalen Diskurs von Wissenschaftlern und Praktikern zum Thema Trauer einbringen würdet.

Professor Klass, wir danken Ihnen für dieses Interview!

Das Interview führten Heidi Müller und Hildegard Willmann.

Das Interview in voller Länge finden Sie auf: www.trauerforschung.de

Im November 2013 hielt Professor Dr. Dennis Klass in Frankfurt am Main einen Vortrag zum Thema "Fortgesetzte Bindungen nach einem Verlusterlebnis". Zum Bericht auf www.gute-trauer.de