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Buddhismus half Onkologe im Umgang mit Patienten

Mehr Offenheit beim Thema Tod


Dr. Jonathan Page arbeitete wie immer an seinem Computer als er plötzlich das Gefühl hatte, sein Kopf würde schmelzen. "Ich konnte mich nicht mehr auf meinem Stuhl halten." Er brach zusammen und lag stundelang am Boden bevor er um Hilfe rufen konnte. Bis zu diesem Moment kannte man den Onkologen als Arbeitstier. Kein Wochenende, kein Bereitschaftsdienst schien ihm zu viel zu sein. "Du musst alles geben, denn die Patienten und ihre Familien sind abhängig von Dir", so seine Einstellung. Er kannte nur die Arbeit. Sein Zusammenbruch stellte sich als schwere Depression und Burnout heraus. "Ich habe mich total vernachlässigt2, sagt der Arzt, "das hat sich über die Jahre aufgestaut." Nach seinem Zusammenbruch ging er zum Psychiater, doch die Medikamente halfen ihm nicht. Er ging wieder arbeiten, aber der Stress schien ihn erneut zu erdrücken.

Eines Tages erinnerte er sich an seine Studienzeit. Damals lud die Studentenorganisation einen buddhistischen Mönch ein, der ihnen helfen sollte mit dem Stress des Studiums zurechtzukommen. Sein Interesse am Buddhismus wurde geweckt und er meditierte oft. Diese Praxis nahm er auch nach seinem Kollaps wieder auf. Woche um Woche. Er begann sich zudem mit dem buddhistischen Prinzip der Achtsamkeit auseinanderzusetzen und fing an zu erkennen, wie gestresst er war und welch hektisches Leben er führte. Page gestand sich ein, dass er seiner Umwelt gegenüber oft gereizt reagierte und wenig sensibel für ihre Anliegen war. Das traf auch auf seinen Umgang mit den Patienten zu. Starben sie, drückte er alle Gedanken und Gefühle weg.

Heute arbeitet Page immer noch als Onkologe und steht zu schulmedizinischen Ansätzen. Doch der Umgang mit sich selbst änderte auch den Umgang mit seinen Patienten und deren Angehörigen. Heute hört er ihnen zu, achtet auch auf ihre spirituelle und mentale Gesundheit. "Ich spreche offen mit ihnen über den Tod und vermeide das Thema nicht", sagt Page. Er sieht es heute auch als seine Aufgabe an, den Patienten die Angst vor dem Tod zu nehmen. "Wenn jemand nur noch sechs Monate zu leben hat, ist es doch Irrsinn sich nur über Chemotherapien den Kopf zu zerbrechen und zu hoffen, dass sie anschlagen werden. Viel wichtiger ist doch zu fragen, wie jemand die letzten sechs Monate seines Lebens verbringen möchte." Manchmal empfiehlt Page seinen Patienten zu meditieren. Es kann neue Sichtweisen ermöglichen und Ängste reduzieren. "Die meisten Menschen geben dem Druck im Alltags- und Arbeitsleben nach, wie ich auch. Sie halten nicht inne und fragen sich danach, wie sie leben möchten." Dr. Page ist dankbar für seinen Zusammenbruch und die anschließende Erfahrung. Heute ist ihm bewusst, wie schwer sich Ärzte mit dem Thema Tod tun. Dennoch sieht er es als essentiell an, dass sie sich mit ihrer eigenen Sterblichkeit auseinandersetzen. "Denn nur so", sagt Page, "können sie die Anliegen ihrer Patienten und Angehörigen wirklich verstehen."

Mehr dazu unter: www.abc.net.au/news/science/2018-09-22/buddhism-changed-medical-oncologists-work/10263550