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06.08.2019

Online trauern: Das Bild eines verstorbenen Freundes posten?

Gedanken einer australischen Journalistin


Auf der Webseite von "The Guardian" reflektiert die Journalistin Katie Cunningham aus Sydney über das Trauern in Zeiten des Internets. Sie schreibt: Ich habe ein Lieblingsbild von meinem Freund John. Darauf blickt er voller Überraschung, breit grinsend in die Kamera, nachdem ich ihm einen Schmatzer auf die Wange gedrückt habe. John starb 2012. Er hatte Hautkrebs. Der streute. John wurde 25 Jahre alt.

In den ersten paar Jahren nach seinem Tod traf sich sein Freundeskreis regelmäßig an seinem Todestag. Wir ließen Schiffchen auf dem See fahren, tapezierten die Wand mit seinen Fotos. Wir wussten alle, warum wir da waren. Der Verlust schmerzte. Doch die Erfahrung machte uns sprachlos. Wir tranken Wein aus Plastikbechern und wechselten das Thema, während uns John von der Wand aus beobachtete. Mit den Jahren fanden diese Gedenkfeiern immer seltener statt. Viele Freunde, wie auch ich, wohnten mittlerweile ganz woanders.

Am 24. April war sein siebter Todestag. Ich war allein zuhause und wusste nicht so recht, was ich mit mir anfangen sollte. Ich sah mir die alten Fotos von John an und fragte mich, ob ich mein Lieblingsbild auf Instagram posten sollte. Doch ich war mir unsicher, wäre das überhaupt ok?

Ich gehöre zur Generation der Millennials. "Too online" zu sein, alles über die sozialen Medien zu teilen, gilt als uncool. Es heißt, Du hast einen Social Media Post pro Jahr, also nutze ihn weise. Doch wie verhält man sich, wenn jemand gestorben ist? Wie früher Fotos auf Facebook zu teilen und seinen Emotionen dort Ausdruck zu verleihen, gilt heute als peinlich. Gleichzeitig wird aber jeder Mist auf Twitter geteilt.

Es scheint keine gute Idee zu sein, mein Lieblingsbild online zu stellen. Die Leser könnten denken, ich wollte mich mit meiner Trauer in den Vordergrund drängen. Dabei könnte es seiner Mutter oder seiner damaligen Freundin doch viel schlimmer ergehen. Nach seinem Tod wurde John verbrannt. Es gibt kein Grab. Noch zu Lebzeiten hat er sein Facebook-Profil gelöscht. Selbst wenn ich wollte, könnte ich dort nichts posten. Wohin soll ich mit meiner Trauer?

Wahrscheinlich sind meine Überlegungen gar nicht so neu. Es geht letztlich immer um die Frage, wie man den Verlust eines Menschen verarbeiten kann. Insbesondere eines so jungen Menschen. Warum musste er sterben? Es scheint keinen Sinn zu machen. Meine Gedanken sind so alt wie die Menschheit selbst. Es gab sie lange vor Instagram. Egal, was ich unternehme, nichts bringt ihn zurück. Tattoos, Kreuze am Straßenrand, Social Media Posts, alles Gesten, wenn wir nicht mehr wissen, wohin mit unserer Trauer.

Am Ende habe ich mein Lieblingsbild nicht gepostet. Vielleicht mache ich es nächstes Jahr oder übernächstes. Was auch immer ich mache, es ist ein Ventil, um meiner Sehnsucht, meiner Liebe zu ihm Luft zu machen. Doch vielleicht ist das schon alles, was wir in solchen Momenten tun können.

Den Originalartikel finden Sie unter:
www.theguardian.com/commentisfree/2019/jul/27/grieving-in-the-internet-age-would-posting-photos-of-my-dead-friend-look-performative