Startseite |   Meldungen   |   Wie fühlt sich Trauer in Zeiten von Covid-19 an?


29.04.2021

Wie fühlt sich Trauer in Zeiten von Covid-19 an?

Bericht einer Ärztin aus Kalifornien


In einem Artikel des amerikanischen "Greater Good Magazine" hat Leif Hass, Ärztin an der Alta Bates Summit Medical Center in Oakland, California, ihre Gedanken zum Thema Verlustverarbeitung notiert. Hier die Zusammenfassung in deutscher Sprache:

Als ich letzten Herbst zu Dienstbeginn in der Klinik ankam, hatte ich schon das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Dann sah ich eine Krankenschwester, die in Tränen aufgelöst war. "Dr. Hass", sagte sie, "K. ist tot." Ich war sprachlos, eine Kollegin von uns ist an ihrer Covid-19 Erkrankung gestorben. Wir alle haben seit Beginn der Pandemie viele Verluste erlitten: Lächeln, Umarmungen, unser "normales" Leben. Aber der Verlust der Kollegin war nochmal anders. Angesichts aller Verluste, die wir im Moment erleben, ist es völlig natürlich und normal zu trauern. Doch was ist Trauer? Wie verarbeiten Menschen Verluste? Und was kommt nach der Verlustverarbeitung?

Trauer bezeichnet die natürliche Reaktion auf Verluste bzw. die Bewältigung der Verlusterfahrung. Trauer ist aber nicht gleichbedeutend mit Traurigkeit. Denn Traurigkeit ist eine Emotion und damit kurzlebig. Trauer aber ist ein länger andauernder Prozess, innerhalb dessen viele Emotionen erlebt werden können, unter anderem auch Traurigkeit.

Inmitten des Trauerprozesses fühlt es sich häufig so an, als würde dieser Lebenszustand für immer so andauern. Deshalb sind Pausen von der Trauer in dieser Zeit wichtig. Manchmal denken wir, dass es an uns liegt, wenn wir diesen Zustand nicht hinter uns lassen können. Doch dem ist nicht so. Trauer ist ein Marathon. Der Prozess dauert häufig länger an als Betroffene und deren Umfeld meinen. Wir machen also nichts falsch und in aller Regel finden wir zu unserer Lebensbalance zurück. Nur ein kleiner Teil der Betroffenen entwickelt Probleme bei der Verarbeitung oder gar einen klinisch auffälligen Trauerverlauf. Dann ist es gut, sich professionelle Hilfe zu holen.

In den letzten Jahrzehnten hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass nicht "Akzeptanz des Verlustes" am Ende des Trauerprozesses steht. Wenn die akute Trauer nachlässt, denken viele Menschen eher drüber nach, welchen Sinn sie dieser Erfahrung zuordnen und was sie daraus für das Leben lernen können. So erzählte mir eine Angehörige eines Covid-19 Patienten, dass sie sich frage, warum das gerade ihr und ihrer Familie passieren müsse. "Ich habe eine Antwort darauf", so die Angehörige, "ich denke immer wieder, dass wir wieder lernen müssen, viel besser aufeinander zu achten und dann fühle ich mich automatisch besser."

Eine Woche nach dem Tod von George Floyd haben sich hunderte Beschäftigte unserer Klinik zusammengefunden und draußen für 8 Minuten und 38 Sekunden seiner gedacht. Es war spürbar, wie uns nicht nur die Trauer vereinte, sondern auch der Gedanke, dass wir für eine gerechtere Gesellschaft kämpfen müssen, in der Rassismus keinen Platz hat. Auch aus den vielfältigen und zahlreichen Verlusten, die die Pandemie mit sich gebracht hat, können wir Lehren für unser zukünftiges Leben ziehen, z.B. welche Werte uns wichtig sind oder wie wir in Zukunft miteinander leben möchten. Dann waren die Verluste nicht umsonst. Ich habe die Hoffnung, dass die Pandemie uns zeigt, wie wichtig es ist, für eine gerechtere und sozialere Gesellschaft einzutreten.

Den Originalartikel finden Sie unter:

greatergood.berkeley.edu/article/item/what_grief_feels_like_during_covid_19.