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21.06.2022

All die "Hätte ich nur ... wäre ich nur ..." im Trauerprozess

Schuldgefühle, Bedauern, Gewissensbisse


Die Autorin, Sophia Dembling, hat ihren Mann verloren. In einem Artikel für www.psychologytoday.com setzt sie sich mit all den "Was wäre, wenns" auseinander und fragt sich, ob es möglich ist, einen geliebten Menschen zu verlieren und nicht unter Schuldgefühlen, Bedauern, Gewissensbissen oder allen dreien zu leiden.

Nach dem Tod ihres Mannes war Dembling Teilnehmerin einer Selbsthilfegruppe für Trauernde. Sie litt sowohl unter Schuldgefühlen, Bedauern und Gewissensbissen. Sie war der Auffassung: "Ich hätte es besser machen müssen." Selbst als eine zarte Stimme im Hinterkopf ihr zuflüsterte, dass ihre Gedanken irrational sind, hatte sie dennoch das Gefühl, einen schrecklichen, irreparablen Fehler gemacht zu haben. "Wie konnte ich ihn nur sterben lassen?", fragte sie sich.

Es gab Umstände im Zusammenhang mit dem Tod ihres Mannes, die wirklich nicht optimal gelaufen sind. "Ich könnte Ihnen die Geschichte erzählen", sagt sie, "Doch solche Litaneien sind nur Geschichten, die wir wieder und wieder und wieder erzählen, bis sie zu unserer Version der Wahrheit erstarren, mit uns in der Hauptrolle des Antihelden. Aber ich werde die Geschichte, die ich mir selbst erzählt habe, nicht erzählen, denn obwohl ich das Bedauern in die Schranken gewiesen habe, lässt es sich leicht reaktivieren. Deshalb werde ich das nicht tun."

Dembling hat alle Arten von "hätte", "könnte" und "sollte" gehört. Sie hat Menschen erlebt, die bedauerten, ihre Angehörigen nicht ins Krankenhaus gebracht zu haben. Andere bedauerten wiederum, dass sie es getan haben. Menschen, die es bereuen, ins Bad gegangen zu sein, sich schlafen gelegt zu haben oder geduscht zu haben, weil ihr geliebter Mensch in der kurzen Zeit, in der sie sich vom Sterbebett entfernt hatten, gestorben sind. Menschen, die befürchten, dass sie ihre süchtigen Kinder zu wenig oder zu sehr geliebt haben. Menschen, die glauben, dass sie es hätten wissen müssen. Sie hätten wissen müssen, dass ihr geliebter Mensch so depressiv war, dass er sich das Leben nahm. Sie wussten, dass dies der Tag war, an dem das Motorrad umkippen würde. Sie wussten, dass diese Fahrt ins Krankenhaus die letzte sein würde.

Wir wollen diese Dinge glauben. Wir wollen uns selbst dafür bestrafen, weil das suggeriert, dass wir tatsächlich mächtig genug sind, den Tod zu verhindern oder ihn weniger schrecklich zu machen, als er ist. Wir wollen glauben, dass wir die Kontrolle über den Tod haben, dass er nicht eintritt, wenn wir ausreichend wachsam sind. Wenn wir glauben, dass der Tod nur eingetreten ist, weil wir unsere Aufmerksamkeit vernachlässigt haben, dann können wir glauben, dass wir durch mehr Wachsamkeit verhindern können, dass er noch einmal eintritt.

Aber der Tod passiert. Wenn jemand von uns wirklich in der Lage wäre, den Tod zu verhindern, wären wir sehr berühmt und sehr gefragt. Schuldgefühle sind ein Trick unseres Verstandes, der uns - wenn auch auf unfreundliche Weise - zu schützen versucht.

Schuldgefühle sind eine Ablenkung. So schmerzhaft sie auch ist, Schuldgefühle geben uns etwas zu tun.

Fachkräfte regen Betroffene dazu an, ihre Überzeugungen zu überprüfen. Sterben Menschen jedes Mal, wenn sie in ein Auto steigen? Nein? Warum hätten Sie dann Ihren Sohn hindern sollen, an diesem Tag loszufahren? Hatte Ihre Mutter Krebs im vierten Stadium? Warum sind Sie dann so sicher, dass es ihr Leben gerettet hätte, wenn Sie sie einen Tag früher ins Krankenhaus gebracht hätten? Wenn Sie Ihre Tochter am Dienstag vom Drogenkonsum abgehalten hätten, ist es dann nicht möglich - ja sogar wahrscheinlich -, dass sie stattdessen an einem anderen Tag Drogen genommen hätte und trotzdem an einer Überdosis gestorben wäre?

Ja, wenn Angehörige und Freunde anders gehandelt hätten, wären die Dinge vielleicht anders gelaufen. Aber im Nachhinein kann man nie wissen, wann jemand in einen Autounfall verwickelt wird, und manchmal können wir das Unvermeidliche nur hinauszögern. Menschen sterben. Das tun sie einfach, egal, was wir machen.

Wir können auch die Jahre der Liebe, die wir gezeigt haben, gegen die Momente abwägen, die wir bedauern. Die Chancen stehen gut, dass sich die Waage eindeutig zugunsten der Liebe und zulasten der "Misserfolge" neigt. Im Falle einer Entfremdung - die auch Dembling mit ihren Eltern erlebt hat - können sich Betroffene die Realität der Beziehung vor Augen führen und der Versuchung widerstehen, eine rosarote Brille des Bedauerns aufzusetzen.

In den Monaten nach dem Tod ihres Mannes quälte sich Dembling mit allen "Wenns". Doch dann änderte sie etwas, weil sie spürte, dass ihr die Schuld, das Bedauern und die Gewissensbisse nicht weiterhalfen. Jedes Mal, wenn sie spürte, dass sie in das dunkle Loch des Bedauerns hinabstieg, schlug sie die Tür zu und rief dabei laut zu sich: "Es ist zu spät."

Es ist zu spät.

Dieser Gedanke ist eine harte und schreckliche Tatsache, aber dennoch eine Tatsache, und kein noch so großes Grübeln kann sie ändern. Sie schlug die Tür zu, immer und immer wieder. So schwächte sie die neuronale Verbindung zwischen ihrer Trauer und den Schuldgefühlen. Denn sie wollte nicht, dass ihre Erinnerung an ihren Mann für immer mit Schuld und Scham verbunden sind. Demblings Strategie funktionierte. Dadurch konnte sie den Verlust ihres Partners verarbeiten.

Vielleicht lässt sich aus Schuldgefühlen etwas lernen: etwa die Eltern häufiger anzurufen, mit dem Rauchen aufzuhören oder gesünder zu leben. Manchmal gibt es aber auch keine Lehren, die zu ziehen sind. Der Tod ereilt jeden. Wir können ihn nicht aufhalten, so sehr wir auch lieben.

Der Tod einer Bezugsperson kann schmerzhaft sein und einige Menschen quälen sich mit den "Wenns". Doch warum sollten sich Betroffene mit allem dem Grübeln über die "Wenns" selbst noch mehr Schmerz zufügen, wenn sich dadurch doch gar nichts ändert?

Den Originalartikel finden Sie unter:

www.psychologytoday.com/us/blog/widows-walk/202206/the-woulda-coulda-shouldas-grief