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24.11.2022

Es gibt keine fünf Phasen der Trauer

Bericht einer Mutter eines verstorbenen Sohnes


Hilda Bastian, die Autorin des hier beschriebenen Artikels des Portals www.theantalntic.com, lebt in Australien. Im Frühling starb ihr Sohn Adam. Er war 38 Jahre alt und mehr als zwei Meter groß. Dennoch, er war "ihr Baby". Seine Geburt wie auch sein Tod rauben ihr den Schlaf. Immer wieder fragt sie sich, wie sie trotz des Schmerzes überhaupt weiteratmen, weiterexistieren kann.

"In den folgenden Wochen setzte ich mich immer wieder an den Computer und suchte im Internet nach Trost. Ich hoffte, dass ich etwas finden würde, irgendetwas, das mir helfen könnte, meinen unerträglichen Schmerz und die Gefühle zu lindern." Doch als sie sich durch Trauer-Webseiten klickte, merkte sie, dass das Internet voll ist von widersprüchlichen Theorien und Ratschlägen. Ein kurzer Blick in die wissenschaftliche Literatur sagte ihr, dass sie aus verschiedenen Gründen ein sehr hohes Risiko hatte, Probleme zu entwickeln. "Doch ich konnte auch sehen, dass mein Schicksal nicht besiegelt war. Ich wusste, dass Menschen einen Weg finden konnten, unendliche Traurigkeit zu tragen und trotzdem ein freudiges Leben zu führen. Ich konnte mir das nicht vorstellen, aber ich wollte es versuchen, um meinetwillen und im Interesse meiner Familie."

Sie durchsuchte systematisch Ratgeberliteratur, wissenschaftliche Artikel sowie persönliche Berichte von Betroffenen und fand heraus, dass viele noch an die Idee glaubten, dass Trauer in fünf Phasen verarbeitet wird. Modellhafte Vorstellung darüber, wie Trauer verarbeitet wird, gibt Menschen eine Struktur. Doch was, wenn die Modelle falsch und unbewiesen sind wie die Phasenmodelle? Bastian fand bessere Modelle. Doch vor allem gaben ihr folgende Erkenntnisse Hoffnung.

Bei den meisten Menschen lässt die Trauer nach ein paar Wochen nach und nimmt von da an weiter ab. Es kann immer noch schwere Zeiten geben, aber in den meisten Fällen ist es unwahrscheinlich, dass man sich nach sechs Monaten in einem ständigen Zustand schwerer Trauer befindet.

Obwohl die meisten Menschen trauern, wenn sie eine ihnen nahestehende Person verlieren, werden sie nicht von ihr überwältigt. Bei etwa der Hälfte der Hinterbliebenen ist die Trauer leicht oder mittelschwer und klingt dann ab. Auch bei denjenigen, die zu Beginn ein hohes Maß an Trauer empfinden, lässt der Kummer in der Regel nach Monaten nach. Es ist keine gerade Linie, bei der jeder Tag besser ist als der vorhergehende, aber der allgemeine Leidensdruck nimmt mit der Zeit ab.

Einige Hinterbliebene - den Untersuchungen zufolge etwa 10 Prozent- trauern jedoch sechs Monate oder länger schwer. Das Risiko, länger als ein Jahr in tiefer Trauer zu verharren, ist höher für Menschen, die nach dem Verlust kaum soziale Unterstützung erfahren und/oder unter finanziellen Problemen leiden. Auch der Verlust des Lebenspartners sowie der Verlust des Kindes und/oder ein plötzlicher Verlust etwa durch Mord, Unfall, Suizid erhöht das Risiko eines schweren Trauerverlaufs.

Erwachsene, die mit dieser langanhaltenden, schweren Belastung konfrontiert sind, erleben das, was viele Kliniker und Forscherenden als "anhaltende" oder "komplizierte Trauer" bezeichnen. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit ernsthafter psychischer und physischer Gesundheitsprobleme.

Bastian meint: "Unsere Beziehung zu komplizierter Trauer ist selbst ziemlich kompliziert. Die Diagnose ist relativ neu und immer noch umstritten - vor allem, wenn sie nach sechs Monaten gestellt wird. Kritiker stellen Fragen, warum man überhaupt Erwartungen an die Dauer und Intensität von Trauer stellen sollte?"

Aber Erwartungen spielen eine große Rolle. Das Pathologisieren des Normalen kann schädlich sein, aber auch das Gegenteil ist möglich und so meint Bastian: "Als Adam starb, brauchte ich die Hoffnung, dass ein erfülltes Leben in meiner Reichweite liegt. Die Wissenschaft zeigte mir, dass dieses Leben näher lag als ich dachte. Also habe ich versucht, nach vorne zu schauen. Dabei hielt ich mich an einem Gedanken über Adam fest, der mir half, eine Zukunft ohne ihn zu sehen: Er hatte mich sein ganzes Leben lang geliebt. Diese Liebe ist kostbar und sie wird für immer bleiben."

Der Originalartikel findet sich unter:

www.theatlantic.com/science/archive/2022/10/five-stages-complicated-grief-wrong/671710/.