Trauer beginnt nicht immer nach einem Todesfall

Viele trauern schon Jahre vor dem Tod einer Bezugsperson

Viele Menschen trauern nicht erst, wenn ein Mensch gestorben ist. Sie könnten schon trauern, wenn bei einer Bezugsperson eine lebenslimitierende Erkrankung diagnostiziert wird. Unabhängig davon, ob es sich zum Beispiel um die Diagnose einer fortgeschrittenen Krebserkrankung, Demenz oder Parkinson handelt, der Trauerprozess kann Jahre vor dem Tod der Person beginnen. Diese Erfahrung nennt sich pre-death grief, was übersetzt so viel heißt wie "Trauer vor dem Todesfall". Der Ausdruck antizipierte Trauer wird für diese Trauer nicht mehr verwendet, weil der Begriff zu irrführenden Vorstellungen geführt hat.

Auch wenn pre-death grief nicht von jedem erlebt wird, kann sie Teil des Trauerprozesses sein und eine Reihe widersprüchlicher, manchmal auch schwieriger Gedanken und Gefühle umfassen. So können manche Menschen neben Verlustgefühlen auch Schuldgefühle empfinden, weil sie sich wünschen, dass der geliebte Mensch frei von Schmerzen ist, oder sich vorstellen, wie das Leben nach seinem Tod aussehen wird.

Die Trauerforscherin Therese Rando meint, dass pre-death grief bei der Vorbereitung auf den Tod helfen kann. Pflegende Angehörige nehmen häufig Veränderungen im Gesundheitszustand ihrer Angehörigen wahr und sind teilweise erschüttert. Aus nächster Nähe mitzuerleben, wie sich der Gesundheitszustand eines Menschen verschlechtert und seine Unabhängigkeit, sein Gedächtnis oder seine Fähigkeit, alltägliche Aufgaben wie die Körperpflege zu erledigen, nachlassen, ist für viele eine schmerzhafte Erfahrung. Daher ist es für pflegende Angehörige wichtig, sich schwierige Emotionen einzugestehen und nach Unterstützung in ihrem Umfeld zu suchen - vor allem, weil die Pflege eines Menschen eine isolierende Zeit sein kann.

Das Leben mit einer veränderten Familiendynamik, mehreren Verlusten und der Ungewissheit kann für alle Familienmitglieder belastend sein. Es ist nicht immer einfach, die Belastungen zu meistern, wenn man weiß, dass der Tod unvermeidlich ist.

Für einige sind Gespräche der Schlüssel zur Vorbereitung auf einen bevorstehenden Tod.  Palliativdienste können Familien dabei hefen, auch schwierige Gespräche zu führen. Insbesondere trauerspezifisch geschulte Sozialarbeitende, psychologische Fachkräfte und Seelsorgende verfügen über die notwendigen Kompetenzen, diese Gespräche zu unterstützen. Kompetenzen wie etwa Einfühlungsvermögen und Verständnis für Menschen am Lebensende und für diejenigen, die um den bevorstehenden Tod trauern, sind wichtig, damit eine Gesellschaft sich zu einer sorgenden Gemeinschaft weiterentwickeln kann.

Den Originalartikel finden Sie unter:

https://theconversation.com/not-all-mourning-happens-after-bereavement-for-some-grief-can-start-years-before-the-death-of-a-loved-one-221629