Trauer nach Suizid

Einige Aspekte der Trauer können als universell bezeichnet werden, sie treten bei allen Trauernden auf, ganz unabhängig von der Art des Todes. Dazu gehören zum Beispiel: der Kummer und der Schmerz aufgrund des Verlustes oder auch der Wunsch, der Verstorbene möge zurückkehren.

Die Frage, ob und in welcher Weise die Todesart Auswirkungen auf die Trauer hat, wird seit langem in Wissenschaft und Praxis lebhaft diskutiert. Eine abschließende Antwort fehlt bisher, insbesondere wenn es um die Trauer nach einem Suizid geht.


Das Trauererleben nach einem Suizid

Tatsächlich gibt es einige Besonderheiten und spezifische Themen, die Betroffene erleben, deren Angehöriger sich das Leben nahm. Dazu gehören Themen wie zum Beispiel:

  •  Schuld
  •  Wut
  •  Suche nach einer Erklärung; Wunsch zu verstehen, warum das passiert ist und in dem Geschehenen einen Sinn erkennen
  •  Erleichterung
  •  Schock und Ungläubigkeit
  •  Auswirkung auf die Familie; Soziale Unterstützung und/ oder soziale Isolation
  •  Aktivismus; Obsessive Beschäftigung mit dem Thema Suizid; Mitwirkung an den Bemühungen zur Prävention

oder auch

  •  das Gefühl, im Stich gelassen worden zu sein; Zurückweisung
  •  Scham und Stigmatisierung
  •  Verheimlichen der Todesursache
  •  Schuld/ (Selbst-)Vorwürfe
  •  Erhöhtes Risiko von selbst-zerstörerischen Tendenzen und Suizidalität


Einordnung der Trauer nach einem Suizid

Hilfreich beim Versuch einer Einordnung, ob Trauer nach Suizid anders ist, ist eine Einordnung der Unterschiede in einen größeren Kontext. Dabei können die Besonderheiten der Trauer nach Suizid zu der Trauer infolge anderer Todesarten („natürlicher“ Tod, unerwarteter, plötzlicher Tod, Tod durch Gewalteinwirkung) in Bezug gesetzt werden.

In vielen Gesellschaften werden unerwartete, plötzliche Todesfälle oder Tod nach Gewalteinwirkung nicht als alltägliche Erfahrung angesehen und ihre Auswirkungen auf die Hinterbliebenen entsprechend als anders erachtet. So können sich zum Beispiel Personen, deren Angehöriger schwer erkrankt ist und sterben wird, bis zu einem gewissen Grade schon im Vorfeld damit auseinandersetzen, was es heißt, ohne den geliebten Menschen leben zu müssen. Diese Möglichkeit haben Personen, deren Angehöriger eines unerwarteten, plötzlichen Todes stirbt, nicht. Sie erleben in verstärktem Maße Schock und können das Geschehene kaum glauben. Empirische Studien belegen die Annahme, dass unerwartete, plötzliche Todesfälle das Leiden der Hinterbliebenen verstärken und eher zu einer komplizierten Trauerverarbeitung führen können. Kommt hinzu, dass es sich um einen plötzlichen und gewaltsamen Tod handelt (unabhängig davon, ob durch einen Unfall, Suizid, Umweltkatastrophen oder Mord hervorgerufen), ist das Risiko zum Beispiel eines komplizierten Trauerverlaufs, der Erkrankung an einer Depression oder einer Posttraumatischen Belastungsstörung erhöht. In diesen Fällen reagieren die Hinterbliebenen auf die schrecklichen Todesumstände an sich. Diese Art des Todes erschüttert das eigene Weltbild, das Vertrauen in die Welt in viel stärkerem Maße als es bei anderen Todesursachen der Fall ist. Es braucht in diesen Fällen meist viel Zeit und psychische Anstrengung, um dem Geschehenen einen Sinn zuzuordnen beziehungsweise die Sinnlosigkeit des Geschehenen zu begreifen.


Beeinflussende Faktoren

Insgesamt liegt die Vermutung nah, dass Trauer nach Suizid anders ist als Trauer infolge eines „natürlichen“ Todes und infolge eines unerwarteten Todes. Am meisten Übereinstimmung weist die Trauer nach Suizid mit der Trauer infolge eines plötzlichen und gewaltsamen Todes auf. Es gilt allerdings zu bedenken, dass die Trauer nach Suizid auch von Person zu Person sehr unterschiedlich sein kann und dass die Todesart nur eine von vielen möglichen Faktoren ist, die die Trauer beeinflussen.