Die menschlichen Kosten, wenn Trauer zu einer Störung gemacht wird

Neue Forschungsergebnisse

Ältere Frau senkt den Kopf in ihre ineinanderfassenden Hände

Die Trauerforschenden Kara Thieleman, Joanne Cacciatore von der Arizona State University sowie Vincent Mangiapane von der Michigan School of Psychology kamen in einer Studie zu dem Ergebnis, dass die meisten Menschen, die Trauer erleben, Diagnosen im Zusammenhang mit Trauer als nicht hilfreich empfinden. Darüber hinaus gab selbst die Minderheit der Teilnehmenden, die eine Diagnose als hilfreich empfanden, instrumentelle Gründe dafür an, wie etwa um eine Freistellung von der Arbeit oder Versicherungszahlungen für Trauerberatung zu rechtfertigen. Die meisten Teilnehmenden betrachteten Trauer als normale Reaktion auf einen Verlust und lehnten die Vorstellung ab, dass sie als psychische „Krankheit“ behandelt werden sollte.

An der Studie nahmen 755 Personen teil. Sie wurden gebeten online einen Fragebogen auszufüllen. Die überwiegende Mehrheit der Teilnehmenden waren Frauen (91 Prozent) und Weiße (89 Prozent). Die meisten waren zwischen 45 und 64 Jahre alt (54 Prozent) und gaben an, ein Kind verloren zu haben (56,8 Prozent). Mehr als ein Drittel der Teilnehmenden erfüllte die Kriterien einer anhaltenden Trauerstörung (36 Prozent) und 44 Prozent gaben an, dass ihre Trauer mit einer eingeschränkten Funktionsfähigkeit einherging. Fast alle Teilnehmenden (98 Prozent) hielten ihre Reaktion auf den Verlust für normal und verständlich.

Die meisten Teilnehmenden gaben an, dass eine Trauerdiagnose wenig oder sehr wenig hilfreich ist (72 Prozent), während 11 Prozent sie für hilfreich hielten und 16 Prozent unsicher waren. Diese Zahlen waren ähnlich, wenn nur die Antworten der Teilnehmenden analysiert wurden, die die Kriterien einer anhaltenden Trauerstörung erfüllten: 68 Prozent gaben an, dass die Diagnose nicht hilfreich wäre, 13 Prozent hielten sie für hilfreich und 18 Prozent waren unsicher.

Die Forschenden identifizierten außerdem vier Themen, die in den Erklärungen der Teilnehmenden zur Bewertung der Nützlichkeit vorkamen: Trauer als Maßstab für Liebe, emotionale und existenzielle Schäden durch die Pathologisierung von Trauer, Medikalisierung durch psychosoziale und medizinische Fachkräfte sowie die Suche nach einem Nutzen der Störung.

„Zusammengefasst beleuchten diese Themen das Spannungsfeld von Trauer: zwischen der Normalität der Trauer und ihrer Fähigkeit, das Funktionieren zu stören, zwischen der persönlichen Bedeutung des Verlusts und den sozialen Erwartungen an die Genesung sowie zwischen professioneller Autorität und dem Bedürfnis nach mitfühlendem Beobachten“, schrieben die Forschenden. Selbstverständlich können die Antworten nicht als repräsentativ angesehen werden.

„Die Medikalisierung lenkt die Aufmerksamkeit weiter von sozialen, relationalen und strukturellen Faktoren ab, die beeinflussen, wie Trauer erlebt und unterstützt wird“, meint Thielemann. „Anstatt zu fragen, wie Familien, Arbeitsplätze, Gemeinschaften und Kulturen auf Verluste reagieren, konzentrieren wir uns fast ausschließlich auf das Individuum. Dadurch besteht die Gefahr, dass übersehen wird, wie unzureichende Unterstützung, soziale Isolation, Zeitdruck und kulturelles Unbehagen gegenüber Trauer das Leiden noch verstärken können.“

„Zudem“, meint Cacciatore, „sollten wir uns kritischere Fragen zum Thema Macht stellen. „Wem nützt es, wenn Trauer pathologisiert wird? Die vielleicht wichtigste Frage ist nicht, ob Trauer diagnostiziert werden sollte, sondern welche Art von Welt es erfordert, dass trauernde Menschen erst einmal abgestempelt werden müssen, bevor sie Hilfe erhalten können. Trauer sollte nicht durch die Medizin legitimiert werden müssen. Sie ist bereits legitim, weil Liebe legitim ist. Unsere Aufgabe ist es nicht, Trauer zu heilen, sondern Gemeinschaften und Systeme zu schaffen, die in der Lage sind, die katastrophalsten Verluste des Lebens zu bezeugen.“ Hinterbliebene wollen keine Etiketten, sie wollen Verständnis.

Deie Originalartikel finden Sie unter:

https://www.madinamerica.com/2026/01/doing-harm-the-human-cost-of-turning-mourning-into-a-disorder/

https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/07481187.2025.2598316