Vererbte Trauer – wenn Verluste weiterwirken

Von Susanne Barth

Als mein Vater völlig unerwartet starb, war ich 47. Ich trauerte sehr. Soweit nicht ungewöhnlich. Seltsam war nur, dass die Trauer gar kein Ende nahm. Sie wurde eine Art Lebensbegleiter, legte sich über und unter all mein Tun und Lassen. So etwas hatte ich noch nicht erlebt. Aber natürlich funktionierte ich weiter. Und wunderte mich zugleich, warum mich eine Schwere begleitete, die ansonsten gar nicht zu meiner äußeren Situation passen wollte.

Erst später wurde mir klar, dass ich mit dieser Erfahrung nicht allein war. Viele Menschen beschreiben eine Traurigkeit ohne Erinnerung, ein Verlustgefühl ohne eigenes Erleben, das es erklären würde. Nach außen scheint alles in Ordnung, doch innerlich fehlt etwas. Ein diffuses Gefühl, für das es lange keine Worte gibt.

Heute hat diese Form von Traurigkeit einen Namen: transgenerationale oder auch „vererbte“ Trauer. Gemeint ist damit, dass Verluste weiterwirken können, auch wenn sie nie ausgesprochen oder betrauert wurden. Krieg, Flucht, Vertreibung, Todesfälle oder andere existentielle Brüche im Leben unserer Vorfahren ließen in den Familien keinen Raum für Abschied oder Klage.

Gründe zu trauern gab es viele.

  • Vermisste oder gefallene Ehemänner, Väter, Söhne und Brüder. Der Abbruch einer Beziehung ohne die Möglichkeit des Abschiednehmens.
  • Der Verlust der Kindheit, weil den Kriegskindern schon früh viel Reife und Verantwortung abverlangt wurde. Die Eltern konnten ihren Kindern keine Sicherheit mehr vermitteln, weil sie selbst in großer Unsicherheit lebten. Oft waren sie nicht einmal mehr emotional ansprechbar für ihre Kinder.
  • Der Verlust von Heimat und damit von Zugehörigkeit und Identität. Viele Menschen fühlten sich danach ihr Leben lang heimatlos. Fremd im eigenen Leben.

Es gab keine Worte für all das Erlebte und Erlittene. Darum herrschte in der Nachkriegszeit viel Schweigen in den Familien. Das Wesentliche blieb ungesagt. Stattdessen waren Funktionieren und Nach-vorne-Schauen angesagt. Denn es musste weitergehen, Gefühle galten dabei als hinderlich. Doch das hat seinen Preis.

Der Psychiater und Traumaforscher Bessel van der Kolk beschreibt, dass belastende Erfahrungen nicht einfach verschwinden, nur weil sie nicht erinnert oder ausgesprochen werden. Auch wenn der Verstand schweigt, reagiert der Körper. Etwa mit psychosomatischen Beschwerden, emotionaler Taubheit, Schuldgefühlen ohne Ursache oder dem Gefühl von Fremdheit sich selbst gegenüber. Was nicht betrauert werden konnte und keinen inneren Platz gefunden hat, zeigt sich später über den Körper oder die Gefühle.

In solch einem Umfeld von emotionaler Erstarrung sind die Kinder der Kriegskinder großgeworden. Heute hat sich für diese Generation der Begriff „Kriegsenkel“ eingebürgert. Wenn wir hier von einer „vererbten“ Trauer sprechen, dann ist das nicht wörtlich gemeint. Weitergegeben werden vielmehr Haltungen und Gefühlsmuster. Oft unbemerkt, aber nicht weniger wirksam. Durch Schweigen. Durch die Art, wie mit Schmerz umgegangen wurde. Auch durch Rollen, die Kinder übernehmen, ohne den Hintergrund zu kennen. Etwa wenn sie früh lernen, „stark“ zu sein, Trost zu spenden oder Verantwortung zu tragen, weil Erwachsene selbst keine Worte für ihre Verluste hatten.

Und wieder gilt: Was Kinder früh lernen, nicht zu fühlen, verschwindet nicht. Es verändert nur seine Form. Im Erwachsenenalter kehrt es häufig als namenlose Traurigkeit zurück. Als Gefühl, dass etwas fehlt, ohne genau sagen zu können, was. Gerade diese Unbestimmtheit macht transgenerationale Trauer so schwer greifbar.

Für viele Kriegsenkel beginnt hier ein inneres Suchen. Die Traurigkeit ist da, aber sie lässt sich nicht festmachen. Sie scheint größer zu sein als das eigene Erleben. An diesem Punkt wird deutlich: Um ihr zu begegnen, reicht es nicht, nur auf die eigene Lebensgeschichte zu schauen. Es braucht einen anderen Zugang.

Oft beginnt er dort, wo es wieder möglich wird, darüber zu sprechen. Nicht im Sinne einer lückenlosen Rekonstruktion der Vergangenheit, sondern als ein allmähliches Wahrnehmen dessen, wofür lange keine Worte da waren. Wenn Gefühle benannt werden dürfen, auch solche, die sich fremd oder „zu groß“ anfühlen, verändert sich etwas. Die Traurigkeit verschwindet nicht einfach, aber sie wird verständlicher. Und damit weniger bedrohlich.

Für viele bedeutet das, die eigene Lebensgeschichte weiter zu fassen: nicht nur als individuelle Biografie, sondern eingebettet in familiäre Zusammenhänge und historische Erfahrungen. Das kann entlastend sein. Denn was lange mit dem Gefühl verbunden war, dass mit einem selbst etwas nicht stimmt, wird plötzlich nachvollziehbar. Es erweist sich als Reaktion auf Erfahrungen, die eine Generation zuvor nicht bewältigt werden konnten.

Trauer, die nachträglich einen Platz bekommt, muss nicht mehr im Verborgenen wirken. Sie wird Teil des eigenen inneren Wissens. Für viele geht damit eine leise Verschiebung einher. Weg von der Frage, was mit ihnen los ist, hin zu einem besseren Verständnis dessen, was sie geprägt hat.

Diesen sehr emotionalen Moment erlebte ich auf einer Polenreise. Gemeinsam mit meiner Cousine besuchte ich die Orte, an denen unsere Familie Jahrhunderte gelebt hatte. Und die unsere Eltern als Kinder verlassen mussten. Für das Grab meines Vaters und meines Onkels nahmen wir Sand vom Ostseestrand mit nach Hause. Von jenem Strand, an dem sie ihre Kindheit verbracht hatten. Ich hatte das Gefühl: Jetzt schließt sich ein Kreis. Ich lege die Trauer dort ab, wo sie ihren Platz hat. Bei meinem Vater, der sie nicht leben durfte. Für mich wurde der Himmel seitdem wieder heller.

Susanne Barth ist Schreibtherapeutin und Coach. Sie begleitet Menschen bei der Auseinandersetzung mit Verlust, nicht gelebter Trauer und transgenerationalen Prägungen, häufig im Zusammenhang mit Kriegskinder- und Kriegsenkelbiografien. Neben der Einzelbegleitung bietet sie auch Schreibzeiten in Gruppen an. In ihrer Arbeit verbindet sie biografisches Schreiben mit Gespräch und der Einordnung in größere Lebenszusammenhänge.
Weitere Informationen: www.susanne-barth.com