Die Trauer von pflegenden An- und Zugehörigen
Überforderung und Isolation

Julia L. Mayer und Barry J. Jacobs beschreiben in ihrem Artikel bei psychologytoday.com, wie sie einer pflegenden Angehörigen geholfen haben:
Willas Mann Dan ist durch einen schweren Schlaganfall gelähmt. Der Hauptgrund dafür, dass Willa sich während der Pflege ihres Mannes isolierte, war die Angst, dass all ihre Emotionen hervorbrechen würden, wenn sie jemand fragen würde, wie es ihr gehe. Es fiel ihr leichter, sich zusammenzureißen. Doch als aus den Monaten der Pflege Jahre wurden, merkte Willa, dass sie ihre Gefühle nicht mehr unter Kontrolle hatte. Als eine Polizistin sie anhielt, nachdem sie über ein Stoppschild gerollt war, begann sie zu weinen und konnte nicht mehr aufhören. Es dauerte eine halbe Stunde, bis sie sich genug beruhigt hatte, um nach Hause zu gehen und Dan gegenüber gefasst zu erscheinen.
Bei einer anderen Gelegenheit, als Dan Wasser über sich selbst verschüttete, wurde sie wütend und konnte nicht aufhören, ihn für seine Tollpatschigkeit zu tadeln. Später, als sie ruhiger war, entschuldigte sie sich immer wieder bei ihm, hatte aber das Gefühl, sich niemals verzeihen zu können, dass sie ihn angeschrien hatte.
Wie viele pflegende Angehörige fühlte sich Willa von der Intensität ihrer komplexen Emotionen überwältigt. Sie schämte sich dafür, überfordert zu sein, weil sie stark sein wollte. Besonders schwer war ihre tiefe Traurigkeit. Oft versuchen pflegende An- und Zugehörige diese Gefühle vor der kranken Person zu verbergen. Doch die Traurigkeit kann so schwer wiegen, dass sie die körperliche und emotionale Funktionsfähigkeit zu beeinträchtigen.
Mayer und Jacobs sagen, dass Willa einen „uneindeutigen Verlust“ erlebt. Das heißt, dass eine Person zwar körperlich präsent, aber geistig abwesend ist, wie etwa bei fortgeschrittener Demenz. Das sind besonders stressige Situationen für pflegende An- und Zugehörige.
Wenn eine pflegende Person ihre Arbeit oder soziale Anlässe aufgeben oder einschränken muss, um bei der erkrankten Person zu sein, kann sie auch über den Verlust ihrer Karriere, ihres sozialen Umfelds, ihre Zukunftswünsche und Lebensziele trauern.
Willa hat Psychotherapie in Anspruch genommen, um besser mit ihrer Situation umgehen zu können. Folgende Aspekte waren Inhalt der Psychotherapie:
Psychoedukation. Erläuterung, wie verbreitet Trauer unter pflegenden Personen ist. Normalisieren der Gefühle. Dies half ihr, sich weniger beschämt über ihre Reaktionen auf die Pflege zu fühlen.
Teilen der Gefühle, ohne diese zu verurteilen. Abbau des Schutzmechanismus. Will lernte, ihren Mann nicht vor ihren Gefühlen zu schützen, indem sie all ihre Trauer vor ihm verbirgt. Denn sein Zustand war für beide eine ständige, offensichtliche Erinnerung daran, wie gefangen und traurig jeder von ihnen sich fühlte. So konnten beide wieder mehr zueinander finden.
Stärkung der Verbindung. Dies trägt dazu bei, ein größeres Gefühl der Gemeinschaft zu entwickeln, einander Trost zu spenden und sich mehr wie ein Team zu fühlen. Ein erstes Gespräch beinhaltete, dass Willa und Dan einander erklärten, dass dies Zeiten hart und sie beide sehr traurig darüber sind.
Sozialen Unterstützungsnetzwerke erweitern. Dies kann unter anderem durch den Beitritt zu einer Selbsthilfegruppe für pflegende An- und Zugehörige geschehen. Willa entschied sich nach einiger Zeit, wieder Kontakt zu Freunden aufzunehmen, von denen sie sich isoliert hatte. Sie erzählte ihnen ein wenig von dem, was sie durchmachte.
Die Therapie nahm Willa die Trauer nicht ab. Im Gegenteil, sie half ihr, sich ihrer Gefühle und deren Auswirkungen auf ihr gesamtes Verhalten bewusster zu werden. Aber das Verständnis und die Akzeptanz dieser Gefühle durch die Therapie machten das, was überwältigende Emotionen waren, erträglicher, brachten sie ihrem Mann und ihren Freunden näher und halfen ihr, weniger hart zu sich selbst zu sein.
Den Originalartikel finden Sie unter:
https://www.psychologytoday.com/us/blog/caregiver-intel/202609/managing-caregiver-grief